Britta Ollrogge - Agile Coach
Britta Ollrogge - Agile Coach

Einfachheit - die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren - ist essenziell

Britta Ollrogge

 

In Trainings zu agilen Methoden und Frameworks starte ich meistens mit den agilen Werten und Prinzipien. In den zwölf Prinzipien hinter dem Agilen Manifest (http://agilemanifesto.org) findet sich auch des Prinzip „Einfachheit - die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren - ist essenziell.“

Dieses Prinzip ruft immer wieder Verwunderung bei den Teilnehmern hervor: „Wieso soll denn die nicht getane Arbeit maximiert werden?“ „Wir wollen durch die Nutzung von Scrum mehr Output erzeugen und nicht weniger!“ „Wir dachten, wir werden schneller und schaffen dann auch mehr.“

Die Frage, die sich dahinter verbirgt, ist die nach der Bedeutung und dem Sinn des Prinzips.

Neben den offensichtlichen Fragen „Was ist Einfachheit?“ und „Warum soll man die Menge der nicht getanen Arbeit maximieren?“ fällt auf, dass bei der Nennung des Prinzips von Kunst gesprochen wird. Warum ist die Anwendung dieses Prinzips eine Kunst?

Einfachheit

Veränderungsprozesse sind komplex. Auch der Mensch selbst ist ein hochkomplexes System. Um Komplexität überschaubar zu machen, bildet der Mensch Ordnungen. Bei einer agilen Transformation im Unternehmen geht es darum, eine bestehende Ordnung durch eine neue, der Situation angemessene Ordnung zu ersetzen.

Die frühere Ordnung kann durchaus gut und hilfreich gewesen sein, hat sich aber vielleicht inzwischen überlebt. Oder vielleicht war sie auch noch nie wirklich effektiv und hat schon immer zu Schwierigkeiten geführt.

Welche neue Ordnung für die Organisation angemessen ist, können Agile Coaches und andere Berater nicht wissen. Und selbst wenn sie es wüssten, würden ihre Ideen und Vorschläge vom Kunden vermutlich nur halbherzig oder gar nicht angenommen werden: „Das funktioniert bei uns nicht!“ „Das machen wir schon immer so!“
Hier bietet sich die Chance, als Coach die Selbstorganisation von neuen Ordnungen zu unterstützen und zu fördern. Und hier öffnet sich der Raum für Einfachheit: Die Prozesse hin zur Neuordnung zu verstehen, ist hochkomplex. Doch der Weg dorthin ist weitestgehend selbstorganisiert und die Methoden, um die Selbstorganisation zu unterstützen, können sehr einfach sein. So kann z.B. ein Board, an dem ein Team seine Aufgaben auf Zettel schreibt, aufhängt und den Bearbeitungsstand deutlich macht, zu mehr Transparenz und einer besseren Kommunikation beitragen. Die Nutzung des leichtgewichtigen Scrum-Frameworks führt unter anderem dazu, dass das Team sich alle zwei Wochen auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet und dieses gemeinsam erreicht.

 

Die Menge nicht getaner Arbeit maximieren

Scott Ambler hat mit der Praktik „Just Barely Good Enough (JBGE)“ dazu beigetragen, das Prinzip der Einfachheit verständlich zu machen.

Ziel bei der Erstellung eines Produktes ist es, einen möglichst hohen Wert zu liefern. Im Scrum sorgt dafür der Product Owner, der die Anforderungen ordnet und sicher stellt, dass die Anforderungen, die zu einem hohen Wert beitragen, implementiert werden.

Über die Implementierungszeit gesehen, stellt man häufig fest, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die Bereitstellung weiterer Funktionen keinen höheren Wert mehr liefert. Das Produkt wird nur immer komplexer. Die weiteren Funktionen werden anfangs vielleicht vom Anwender gar nicht bemerkt, da sie nicht benötigt werden, im schlimmsten Fall ist er aber von der Komplexität so überfordert, dass der Gesamtwert des Produktes für ihn sinkt.

In der Praxis ist das häufig der Fall. Denken Sie nur an Produkte wie Microsoft® Excel: Das Programm hat hunderte von Funktionen -  im täglichen Leben nutzen die meisten Anwender vermutlich höchstens 20% davon.

 

 

Hier kommt das Prinzip der Einfachheit ins Spiel: Ziel muss es sein, ein Produkt zu schaffen, dass „Just Barely Good Enough“ ist. Verschwendung, also Aufwand, der in Funktionalitäten fließt, die keinen Wert liefern, soll minimiert werden. Oder anders ausgedrückt: Die Menge nicht getaner Arbeit soll maximiert werden.
Das bedeutet aber nicht, dass man gar nichts mehr tut oder an der Qualität spart.

 

Gut genug ist etwas, das

  • effektiv ist,
  • in dessen Entstehung die Kunden / Stakeholder aktiv einbezogen wurden,
  • eine gute Qualität hat,
  • im Laufe der Zeit angepasst / verändert werden kann,
  • früher geliefert wird, als man es erwartet.

 

Man kann also Verschwendung vermeiden, indem man Aufwand nur in Funktionen steckt, die einen Wert liefern. Es gibt aber noch eine Vielzahl weiterer Bereiche, in denen sich Verschwendung vermeiden und somit die nicht getane Arbeit maximieren lässt. Beispiele sind:

  • Kommunikation vom Angesicht zu Angesicht statt über email hilft dabei, sich besser zu verstehen und Missverständnisse gleich aufzuklären.
  • Statt Zeit in die Erstellung von Berichten für das Management stecken, die dann häufig Fragen aufwerfen und Klärungsmeetings zur Folge haben, können sich Interessierte direkt in Reviews und Systemdemos über den Stand der Produkte informieren.
  • Durch direkte Einbeziehung von Kunden müssen keine Vermutungen über die Kundenwünsche getroffen werden, die sich dann später, nachdem viel Arbeit in die Beschreibung und Implementierung geflossen ist, vielleicht als falsch herausstellen.

 

Das Prinzip der Einfachheit führt dazu, den Output zu minimieren und Ergebnisse und Auswirkungen zu maximieren.

 

Eine Kunst

Warum ist das Prinzip eine Kunst?

Auf die Anwendung dieses Prinzips passt gut, was Steve de Shazer über das lösungsorientierte Vorgehen gesagt hat: „It’s simple, but not easy.“
Im Duden wird Kunst unter anderem als „das Können, besonderes Geschick, [erworbene] Fertigkeit auf einem bestimmten Gebiet“ definiert.

Die Definition lässt erkennen, dass die Umsetzung des Prinzips nicht einfach ist, sondern einer stetige Übung und Erfahrung bedarf.
 

Der beste Weg, dieses Prinzip in die täglichen Arbeit zu integrieren, ist, sich jedes Mal, wenn man eine Entscheidung trifft, die Frage zu stellen: "Schaffe ich einen Wert?“ Das Ziel ist, einen hohen Wert zu liefern. 
Nimm dies als echte Kunst wahr, die aus der Erfahrung kommt.

Aktuelles

Neue Artikel:

Leading SAFe®-Seminare mit mir bei Qytera in Frankfurt:

Seit 03/2017 bin ich zertifiziert als SCP4 (SAFe® 4 Program Consultant)

Seit 10/2016 bin ich zertifziert als CSP (Certified Scrum Professional)

Partner

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Britta Ollrogge